Andreas Fux in Stuttgart
Wenn ein Bild bleibt
Manchmal beginnt die Geschichte eines Museumsobjekts nicht im Museum. Nicht mit einer Sammlung, einem Ausstellungskonzept oder einem kuratorischen Text. Sondern in einem Gästezimmer in Berlin.
Eine Fotografie unseres Gründungsmitglieds Andreas Fux soll künftig im Kontext des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart zu sehen sein. Für Fux verbindet sich mit diesem Bild eine sehr persönliche Erinnerung: Nach seiner Schilderung hing die Fotografie einst in dem Berliner Gästezimmer, in dem die heutige Kuratorin während ihrer Zeit in der Stadt untergebracht war. Sie lebte mit diesem Bild – Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Was zunächst beinahe beiläufig klingt, besitzt für einen Fotografen eine besondere Bedeutung.
Denn ein Werk im Museum betrachtet man für Minuten. Ein Bild im eigenen Lebensraum begleitet einen über Wochen, Monate oder Jahre. Man kann ihm nicht ausweichen. Man sieht es morgens, geht daran vorbei, lebt damit – und irgendwann wird es Teil der eigenen Erinnerung.
Für Andreas Fux ist genau das eines der größten Komplimente, das seiner fotografischen Arbeit gemacht werden kann: Ein Bild wurde nicht nur betrachtet. Mit ihm wurde gelebt.
Jahre später führt die Geschichte dieses Werkes nach Stuttgart.
Vom Ost-Berliner Straßenbild zum Museum
Dass Fotografien von Andreas Fux heute institutionell neu betrachtet werden, ist Teil einer größeren Entwicklung.
Fux fotografierte bereits als junger Mann Menschen und Straßenszenen im Ost-Berlin der 1980er-Jahre. Gegenüber dem rbb beschreibt er seine damalige Arbeitsweise als unmittelbar und spontan: Er ließ sich durch die Stadt treiben, beobachtete Menschen und folgte mit seiner Kamera Situationen, die ihn interessierten. Eine klassische staatliche oder politische Auftragsfotografie war das gerade nicht.
Genau diese Bilder sind heute historische Dokumente einer Zeit, obwohl sie ursprünglich nicht mit diesem Anspruch entstanden.
2026 rückte sein Werk prominent in die Ausstellung „Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“. Das Projekt versammelte neun künstlerische Positionen und wurde an vier Berliner Institutionen gezeigt: KVOST, nGbK, Mitte Museum und Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Im Mitte Museum wurden Arbeiten von Andreas Fux gemeinsam mit Arbeiten von Jürgen Wittdorf präsentiert.
Die Ausstellung stellt dabei eine Frage, die für das Verständnis seines Werkes entscheidend ist: Unter welchen Bedingungen konnten individuelle und queere Lebensrealitäten innerhalb eines Systems sichtbar werden, das von gesellschaftlicher Stigmatisierung, kulturpolitischen Vorgaben und staatlicher Kontrolle geprägt war? Das Mitte Museum beschreibt die Kunstproduktion dieser Zeit ausdrücklich als Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Verbergen, Anpassung und Eigensinn.
Fux selbst ordnet seine damalige Arbeit wesentlich unmittelbarer ein. Im rbb-Beitrag erklärt er, dass er seine Fotografie damals gar nicht als „schwule Fotografie“ oder Männeraktfotografie kategorisiert habe. Er fotografierte ohne Auftrag und machte Bilder, die zunächst ihm selbst Freude bereiteten.
Vielleicht liegt gerade darin ihre heutige Kraft.
Fotografien verändern ihre Bedeutung
Ein Bild bleibt nicht zwangsläufig das, was es im Moment seiner Entstehung war.
Eine Fotografie kann zunächst eine persönliche Beobachtung sein. Jahrzehnte später wird sie Zeitdokument. Sie kann Teil einer Ausstellung werden, Eingang in eine Publikation finden und plötzlich Fragen über eine Gesellschaft beantworten, die der Fotograf beim Auslösen seiner Kamera möglicherweise überhaupt nicht formuliert hatte.
Die aktuelle wissenschaftliche und institutionelle Beschäftigung mit queerer Kunst aus der DDR zeigt zugleich, wie viele dieser Biografien bislang nur unzureichend erforscht wurden. Die begleitende Publikation zur Berliner Ausstellung spricht von einem weitgehend unerforschten Feld zwischen queeren Biografien und künstlerischer Produktion unter den Bedingungen der DDR.
Für Voices of Creation liegt darin ein wesentlicher Teil kultureller Arbeit:
Kunst nicht nur neu zu produzieren, sondern vorhandene künstlerische Positionen sichtbar zu halten, ihre Geschichten zu bewahren und sie einer neuen Generation zugänglich zu machen.
Und manchmal führt dieser Weg auf erstaunliche Weise zurück zu einem einzelnen Bild.
Von Berlin nach Stuttgart.
Vom privaten Raum in den institutionellen Kontext.
Von einer Fotografie, mit der jemand leben musste – oder leben durfte – zu einem Werk, das nun von
vielen Menschen betrachtet werden kann.
Vielleicht ist genau das die schönste Form künstlerischer Anerkennung:
Dass ein Bild Jahrzehnte später noch immer etwas auslöst.
Ausstellungsorte
- Landesmuseum Württemberg Stuttgart
- KVOST — Kunstverein Ost Berlin
- Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (nGbK) Karl-Liebknecht-Straße 11/13, 10178 Berlin
- Mitte Museum Berlin Pankstraße 47, 13357 Berlin
- Werkbundarchiv – Museum der Dinge Oranienstraße 25, 10999 Berlin